13.08.2009 - Zu schwer für den Rettungswagen - Die Hilfsorganisationen und Krankenhäuser müssen «aufstocken»
Deutschland muss sich auf «schwere Zeiten» einstellen. Eine Erfahrung, die Mitarbeiter im Rettungsdienst und bei der Feuerwehr sowie das Personal in Krankenhäusern immer häufiger machen. Haben Wissenschaftler kürzlich davor gewarnt, dass Kinder in Deutschland immer mehr Gewicht auf die Waage bringen, so ist das für medizinisches Personal nur die eine Seite. Nahezu Alltag ist es, dass die Zahl der schwergewichtigen Patienten steigt. Dies erfordert Umdenken und neue Ausrüstung.
SCHWABACH (jk) - Gemeinsamer Einsatz von Rettungsdienst und Feuerwehr in Schwabach. Notarzt und Sanitäter werden alarmiert, weil ein Mann schwere gesundheitliche Probleme hat. Der Mediziner entscheidet: Eine ausreichende Versorgung des Erkrankten ist in der Wohnung nicht möglich, der Mann muss in eine Klinik gebracht werden.
Es stellt sich jedoch heraus, dass der Patient ein Körpergewicht von knapp 170 Kilogramm hat. Zu viel, um von zwei Sanitätern durchs ohnehin enge Treppenhaus auf der Trage nach unten zum Rettungswagen gebracht zu werden. Die Feuerwehr wird alarmiert. Die Schwabacher Wehrleute haben Erfahrung, wenn es darum geht, einen Patienten mittels an der Drehleiter befestigter Trage schonend aus der Wohnung zu holen.
Doch in diesem Fall entpuppt sich der Einsatz als «Neuland». Das Gewicht des Patienten plus Trage plus ein im Rettungskorb an der Spitze der Drehleiter stehender Feuerwehrmann überschreitet das Zulässige, das die Steuerelektronik der Leiter bei dem erforderlichen Neigungswinkel zulässt.
Also müssen sich die Wehrleute dazu entschließen, einen Flaschenzug zum Einsatz zu bringen. Die dafür erforderlichen Seile können problemlos an der Drehleiter befestigt werden, eine sogenannte Schleifkorbtrage aus einem der Feuerwehrfahrzeuge ist dazu gedacht, den Patienten aufzunehmen.
Die Rettungsaktion ist zwar schweißtreibend, klappt aber problemlos. Auch die anschließende Fahrt mit Blaulicht und Martinshorn ins Krankenhaus. Aber auch der Rettungswagen des Roten Kreuzes wie der anderer Hilfsorganisationen war bei dem Einsatz im Grenzbereich.
Karl Dirr, Leiter des Rettungsdienstes im Bereich des BRK-Kreisverbandes Südfranken, rechnet vor: Der Tragentisch im Rettungswagen darf bis 228 Kilogramm belastet werden. Von dieser Zahl abzuziehen ist zunächst das Eigengewicht der Konstruktion, so dass für den Patienten 177 Kilogramm übrig bleiben. Wäre die Person schwerer, könnte eine Fahrt mit einem «normalen» Rettungsmittel nicht mehr stattfinden.
Die Hilfsorganisationen werden demnächst mit sogenannten Schwerlast-Rettungswagen ausgestattet. Ab Frühjahr 2010 sollen die Fahrzeuge beschafft werden, eines je Rettungsdienstbereich. Dann gehen die Helfer davon aus, dass die Gewichtsgrenze von Patienten auf 200 Kilogramm steigen kann.
Marc Gistrichovsky, Chef der Rettungsleitstelle von Feuerwehr und Sanitätsorganisationen in Nürnberg, kennt die Problematik mit schwergewichtigen Patienten ebenfalls sehr gut. Im Ballungsraum hält das Rote Kreuz in Fürth einen für Krankenfahrten umgebauten Transporter bereit. Mittels Seilwinde und Rampe kann hier ein Bett oder eine Krankentrage ins Fahrzeuginnere gezogen werden. Auch das Nürnberger Klinikum hat schon etliche Male mit einem Bettentransporter ausgeholfen, der normalerweise lediglich auf dem Krankenhausgelände eingesetzt wird. Gistrichovsky erinnert sich sogar an einen Fall, bei dem die Feuerwehr einen Patienten auf der Ladefläche eines Lastwagens in die Klinik fahren musste - wegen Gewichtsproblemen.
Im Krankenhaus gehen die Schwierigkeiten weiter. Immer wieder muss die Feuerwehr helfen, um schwergewichtige Patienten ins Bett zu bringen. Reinhard Beck, Geschäftsführer des Stadtkrankenhauses Schwabach, berichtet, dass seine Klinik Betten für schwergewichtige Patienten angeschafft hat - auch deshalb, weil chiurgische Eingriffe an krankhaft übergewichtigen Menschen ein Spezialgebiet der Klinik sind. «Normale» Krankenhausbetten können Patienten von gut 150 Kilogramm aufnehmen. In Schwabach hat man bis 250 Kilogramm «aufgerüstet». Auch ein spezieller OP-Tisch wurde angeschafft.
Mit freundlicher Genehmigung aus dem Schwabacher Tagblatt